Wozu brauchen wir die Dunkelheit?

Elektrisches Licht und seine Folgen - Der Verlust der Nacht

Die Aufhellung des Nachthimmels über den großen Städten ist ein Phänomen der letzten fünfzig Jahre. In den Ballungsräumen bilden sich so genannte Lichtglocken über den Städten, die beispielsweise bei einer Stadt von 30.000 Einwohnern über 25 km weit reichen können. Straßenbeleuchtung, Leuchtreklame, Flutlichtanlagen und Industriebeleuchtungen tragen dazu bei, weiterhin das Fernlicht von Kraftfahrzeugen und besonders auch die direkt in den Himmel strahlenden Skybeamer und Lasershows – Bilder der NASA zeigen, dass es über den Industriestaaten Europas, Amerikas und Asiens kaum je mehr richtig Nacht wird.1

Die so genannte Lichtverschmutzung,

englisch „light pollution“, manchmal auch „skyglow“ genannt, ist eine besondere Art der Umweltverschmutzung, deren Folgen sich inzwischen schon recht drastisch zeigen. In klaren Nächten, so berichten Forscher von der Universität Berlin2, ist es in einer Großstadt wie Berlin zehnmal heller als vor 150 Jahren, mit steigender Tendenz. Ist der Himmel bewölkt, dann wird es oft gar nicht mehr richtig dunkel, es bleibt ein dunkeloranges Leuchten – sozusagen verkehrte Welt, denn früher war es gerade in klaren Nächten durch das Sternenlicht heller als bei Bewölkung. Die Zuwachsrate an Lichtverschmutzung liegt je nach Land zwischen 0 und 20%, in den Industriestaaten Europas liegt der Wert durchschnittlich bei 6% jährlich, mancherorts auch deutlich darüber.3

Die Folgen sind vielfältig: Pflanzen werden in ihrem Wachstumszyklus beeinflusst, die nächtliche Orientierung von Zugvögeln wird nachhaltig gestört, Insekten verbrennen zu Milliarden in den hellen Straßenlampen.4 Auch bei anderen Tieren gibt es Folgen: Wasserflöhe beispielsweise steigen normalerweise in der Dunkelheit der Nacht (wenn die Gefahr, von Fischen gefressen zu werden, gering ist) an die Oberfläche der Seen und ernähren sich von den dort vorhandenen Algen und Bakterien. Wenn die Nächte nun durch Kunstlicht heller werden, dringt das Licht auch in die dunklen Wasser. Den Flöhen wird das Risiko zu groß, sie bleiben tiefer unten im See und vernichten weniger Algen – das gesamte Ökosystem der Seen wird dadurch beeinflusst.5

Ganz besonders trifft die Lichtverschmutzung

die Astronomen: es müssen inzwischen regelrechte „Dunkelparks“ eingerichtet werden, um den Nachthimmel überhaupt noch ungestört beobachten zu können. Die Dark Sky Association setzt sich weltweit für den Erhalt und die Einrichtung solcher Dunkelzonen ein und gibt jährlich einen Atlas der aktuellen Lichtverschmutzung heraus.6 Aber nicht nur die Astronomen haben ein Problem, auch kulturell droht uns ein echter Verlust. Die Betrachtung des Sternenhimmels gab der Menschheit jahrtausendelang Orientierung, die Sterne ermöglichten die Entdeckung neuer Kontinente, sie dienten zur Bestimmung der Zeit und zur Erstellung von Kalendern. Heute haben viele Menschen kaum noch Gelegenheit, einen richtigen Nachthimmel zu erleben: Nur noch ein Bruchteil aller Sterne ist am erhellten Nachthimmel zu erkennen, und die Milchstraße ist mittlerweile in weiten Teilen Europas nicht mehr sichtbar.

Wie tiefgreifend

der Einfluss des elektrischen Lichts auf den Menschen ist, wird in einer Studie von Richard Stevens von der University of Connecticut7 deutlich: Historischen Daten zufolge habe der Mensch früher in der Nacht zwei aufeinanderfolgende Schlafphasen mit einer Wachphase dazwischen gehabt. Seit der Einführung der elektrischen Beleuchtung hat sich der Schlaf auf eine einzige, sieben bis acht Stunden währende Phase komprimiert.

Weitere Konsequenzen der künstlichen Beleuchtung für die Gesundheit werden weltweit untersucht.8 Störungen des Tag-Nacht-Rhythmus, regelrechte Schlafstörungen und Veränderungen im Hormonhaushalt sind bereits nachgewiesen, auch Krankheiten wie Brustkrebs, Übergewicht, Diabetes und Depression werden mit der stetigen Erhellung der Welt seit Beginn der Moderne in Zusammenhang gebracht. Die Folgen des Verlustes der Nacht sind tiefgreifend - für den Menschen und für die ganze Welt.

Siehe auch hier

1 Siehe z.B. lichtverschmutzung.de oder scinexx.de/wissen-aktuell
2 Christopher Kyba und Kollegen in einer Studie von 2012: sciencedirect.com/science, abgerufen am 15.10.2017. Deutscher Bericht darüber u.a. hier: spiegel.de/wissenschaft/bei-nacht-der-himmel-ueber-staedten-faerbt-sich-rot, ebenfalls 15.10. 2017
3 Studie von F. Hölker, et al.: The dark side of light: a transdisciplinary research agenda for light pollution policy. Abzurufen unter: goescholar.uni-goettingen.de
4 Ein Versuch das zu vermeiden wurde in der Stadt Augsburg umgesetzt: deutschlandfunk.de/massengrab-fuer-insekten
5 Siehe z.B. daserste.de/information/wissen-kultur/w-wie-wissen/licht
6 lightpollutionmap.info, Informationen auf deutsch unter lichtverschmutzung.de
7 academicminute.org, Viele Informationen sind auch hier zusammengefasst: welt.de/Warum-helle-Naechte-auf-die-Gesundheit-schlagen, abgerufen am 15.10.2017
8 Vor allem die Chronobiologie befasst sich mit der Frage, wie Licht als äußerer Taktgeber auf innere Rhythmen wirkt.

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